Un-Boes-e Erkenntnis

sueddeutsche.de: Die Dame leitet eine Beauty-Beratungssendung im Fernsehen. Es ist die einzige Figur, bei der es nicht primär um Sex geht. Warum ist das bei allen anderen Rollen so wichtig?

Boes: Sex ist nun mal das, was die Menschen beschäftigt. Solange die Welt sich dreht, wird es immer ein wichtiges Thema bleiben. Die Frau hat ja nicht immer so viel Glück in vielen Dingen und hier werden auch die typischen Frauenrollen im Fernsehen selbst karikiert.

(Quelle: Gespräch mit Mirja Boes – „Ich kann ganz schlimme Sachen gucken“ – Medien – sueddeutsche.de)

Tja, lieber Kinder, wer hätte das gedacht? Es gibt Menschen, denen es primär um Sex geht. Entspricht auch meiner eigenen Wahrnehmung. Interessant daran ist für mich vor allem, wie die meisten damit umgehen. Auch wenn viele diesen Umstand zu verdrängen versuchen, so sind ihre Gedanken doch oft auch indirekt mit diesem Thema beschäftigt.

Mode und Kosmetik haben keinen anderen wesentlichen Zweck, die persönliche Attraktivität zu steigern. Denn wenn sich alles streng nach dem reinen Leistungsprinzip orientieren würde, wäre das Aussehen egal, weil nur die abgelieferte Leistung alleine zählen würde. Tut sie aber nicht.

Jeder von uns weiß, dass er/sie der geilen Kollegin/dem geilen Kollegen kaum einen Wunsch abschlagen könnte, sobald sie/er auf uns zukommen würde. Fast jeder kennt das Gefühl, etwas gekauft zu haben, weil das Verkaufspersonal einen geschickt mit persönlichen Reizen umgarnt hat – nicht weil das Produkt so außergewöhnlich gut war. Und das war dann sexuelle Attraktivität im Live-Einsatz. Wir reagieren, weil unserer Gegenüber bewusst darauf setzt, dass wir instinktiv reagieren, nicht sachorientiert.

Außerdem werden wir medial von Kindesbeinen darauf gedrillt, sexuell orientiert zu denken. Habe gestern beim Arzt mal nach vielen Jahren wieder in einer BRAVO geblättert. Es ging fast nur darum, welcher Star welches Aussehen aufweist, wer mit wem gerade vögelt, wer nun mit wem gerade nicht, und alles rund um das Thema „sexuelle Aufklärung“ ist ja sowieso die Dr. Sommer-Domäne im deutschsprachigen Teenie-Raum.

Die Aufmachung des Blattes war klar auf die Teenager-Zielgruppe ausgerichtet. Aber was diese Zeitung mit den Yellow-Press-Blättern deutlich gemeinsam hat, ist die Fokussierung auf das Kernthema, wer gerade mit wem fickt. Jeder Bericht über ein Paar ist in erster Linie die Rückmeldung, dass die beiden es noch miteinander & exklusiv treiben. Sobald einer von beiden aus der Beziehung ausbricht, ist das die nächste Meldung. Und sobald der Ausbrecher entweder a) wieder zurückkehrt oder b) mit einer anderen Person gesichtet wurde, ist wieder klar, wer mit wem vögelt.

So langsam begreife ich, warum mich alle Medien, die sich primär diesem Thema widmen, nicht konsumiere. Es ist mir schlicht und einfach egal, zu wissen, welcher mir persönlich unbekannte Mensch mit wem vögelt. Ich kenne diese prominenten Menschen nicht selbst, und daher ist mir ihr Sexual-Verhalten auch vollkommen wumpe.

Außerdem diskutiere ich im Freundes- und Bekanntenkreis lieber über Möglichkeiten, wie man den eigenen sexuellen Genuss steigern kann. Mit wem das dann passiert oder besonders gut gelingt, ist dabei ziemlich sekundär. Hauptsache, es kommt zu einer echten Befriedung, gerne auch längerfristig.